Autor: Redaktion

Karl-Marx-Stadt

Liebe westdeutsche Freund/innen,

Der Osten ist auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR anders geblieben, als ihr Euch das vorstellt. Es ist Zeit, jenseits der Medienkonjunktur der Frage: „Was ist da im Osten los?“ zu verstehen, was hier passiert. Chemnitz war für die vereinigte Rechte der Vorschein eines rechten Umsturzes, der aus dem Osten kommen soll.  Daraus gilt es zu lernen.

Von David Begrich

Stasischuld und Sühne

„Gundermann“, Spielfilm, Dt.2018, Regie: Andreas Dresen

Von Angelika Nguyen

Die erste Szene spielt 1992. Gundermann sitzt im Wohnzimmer und singt das anrührende Lied von Vater und Mutter und Zuckerbrot, dazu Gitarre. Es ist ein Vorsingen, Gundermann sucht eine neue Band, fünf Leute hören ihm zu, wie er über seine Kindheit singt, seine Ost-Kindheit.

Großes Drama auf kleinem Raum

„Draußen in meinem Kopf“, Regie: Eibe Maleen Krebs, Dt. 2018



Von Von Angelika Nguyen



Schon auf dem Plakat des Films ist das visuelle Zentrum ein einziges Auge von Samuel Koch, der den Sven spielt. Damit hält er sein Gegenüber fest, den ganzen Film lang. Blaue Iris, leuchtend, ernst, fragend und insistierend zugleich: Was willst du von mir? Lass mich in Ruhe. Ich brauche keine Hilfe. Und zugleich: Ich brauche dich.

Im historischen Nichts

„Transit“ , Dt. 2018, Regie: Christian Petzold



Von Angelika Nguyen


Der Film kokettiert mit einer Idee: seine Fluchtgeschichte spielt zwar 1941, aber in den Kulissen von heute. Moderne Autos, Graffitis, Polizeiuniformen, das heutige Paris, das heutige Marseille. Das Resultat ist, dass die Geschichte – die Romanvorlage von Anna Seghers spielt 1941 – nirgends mehr verortet ist. In welchem dramatischen Raum also bewegen sich die Flüchtenden, die, wie die Hauptfigur einmal sagt, vor „den Faschisten“ fliehen; von wo kommen sie, was ist ihr Ziel? Eine Schiffspassage nach Amerika? Welches Amerika? Das von heute oder das von damals? Und sollen die durchweg weißen, deutschsprachigen Figuren – vorwiegend dargestellt von unserem Standard-Fernseh-Ensemble – etwa die Flüchtenden aus Syrien, Afghanistan, Marokko, Somalia symbolisieren? Oder fliehen sie vor Angela Merkel?

Der vergessene Whistleblower

„The Post“ („Die Verlegerin“), USA 2017, Regie: Steven Spielberg



Von Angelika Nguyen



Die ersten drei Filmminuten sind vielversprechend. Vietnam 1965. Eine Einheit der US-Army schleicht durch den dämmrigen Dschungel, eine leise Frage „Wer ist denn der Neue?“, und eine Antwort: „ Ellsberg oder so “.

Der Working-Class-Touch

„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (USA 2017), Buch/Regie: Martin McDonagh Von Angelika Nguyen Wie lebt ein Mensch, der ein schweres Trauma erlebt hat? Eine Mutter, deren jugendliche Tochter vergewaltigt, ermordet und verbrannt wurde? Und kein Mörder ist gefasst. So ein Mensch kann versteinern oder er kann aktiv werden. Mildred Hayes wird aktiv. Nach sieben Monaten der Trauer um ihre Tochter Angela und der Ergebnislosigkeit polizeilicher Ermittlungen in dem kleinen Ort Ebbing/Missouri ergreift Mildred die Initiative. Hier setzt der Film ein. Am Ortseingang sieht Mildred drei riesige, ewig nicht benutzte Plakatwände, sie steigt aus und begibt sich in die Landschaft mit den drei Billboards. In Mildreds Gesicht bewegt sich nichts, sie guckt nur. Die Größe ihrer Idee erzählt der Film mit anderen Mitteln: Musik und eine totale Landschaftsaufnahme, die die Dimension der Wände zeigt. So pathetisch werden wir in die Geschichte hineingezogen. Aber dann geht es sehr nüchtern weiter: Mildred handelt mit dem widerstrebenden Vermieter, der Ärger im Ort vermeiden will, die Monatsmiete für die Werbewände aus und gibt für jede Wand einen Satz in Auftrag: …

Eine Frau sieht rot

Sie lebt mit ihren geliebten zwei Hunden in einem kleinen polnischen Ort der Sudety, der ehemaligen deutschen Sudeten, nahe der tschechischen Grenze, ist Mitte 60 und ein bisschen verrückt: Janine Duszejko, die darauf besteht, bei ihrem Nachnamen genannt zu werden. Wäre sie vollständig verrückt, könnte die Leute sie ignorieren, aber sie ist durchaus auch von dieser Welt: sie hat früher mal Brücken gebaut und unterrichtet jetzt noch Englisch an der örtlichen Grundschule.



Von Angelika Nguyen

100 Jahre Roter Oktober

Räte und Versammlungen in der russischen Revolution

Von Hauke Brenner vorab aus telegraph #133/134

Wenn wir uns die Geschichte der Aufstände, Revolten und Revolutionen im 20. Jahrhundert in Europa anschauen, fällt eine Besonderheit auf: In Petersburg 1905, Russland 1917, in der Novemberrevolution in Deutschland, der Bremer und Münchner Räterepublik, der ungarischen Revolution 1919, Katalonien 1936, Ungarn 1956, Portugal 1974, Polen 1980 – überall organisierten die revoltierenden Massen sich spontan in räte-ähnlichen Organisationsstrukturen.

Liebe in den Zeiten der Massentierhaltung

„Körper und Seele“, Ungarn 2017, Buch und Regie: Ildiko Enyedi



Der Film beginnt in großer Stille, in einem Wald. Dort leben eine zierliche Hirschkuh und ein kapitaler Hirsch zusammen, ein Pärchen, sie horchen, trinken, laufen, ungestört und frei, Hufe kratzen, Blätter rauschen.



Von Angelika Nguyen