Alle Artikel in: Kultur

Der Working-Class-Touch

„Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (USA 2017), Buch/Regie: Martin McDonagh Von Angelika Nguyen Wie lebt ein Mensch, der ein schweres Trauma erlebt hat? Eine Mutter, deren jugendliche Tochter vergewaltigt, ermordet und verbrannt wurde? Und kein Mörder ist gefasst. So ein Mensch kann versteinern oder er kann aktiv werden. Mildred Hayes wird aktiv. Nach sieben Monaten der Trauer um ihre Tochter Angela und der Ergebnislosigkeit polizeilicher Ermittlungen in dem kleinen Ort Ebbing/Missouri ergreift Mildred die Initiative. Hier setzt der Film ein. Am Ortseingang sieht Mildred drei riesige, ewig nicht benutzte Plakatwände, sie steigt aus und begibt sich in die Landschaft mit den drei Billboards. In Mildreds Gesicht bewegt sich nichts, sie guckt nur. Die Größe ihrer Idee erzählt der Film mit anderen Mitteln: Musik und eine totale Landschaftsaufnahme, die die Dimension der Wände zeigt. So pathetisch werden wir in die Geschichte hineingezogen. Aber dann geht es sehr nüchtern weiter: Mildred handelt mit dem widerstrebenden Vermieter, der Ärger im Ort vermeiden will, die Monatsmiete für die Werbewände aus und gibt für jede Wand einen Satz in Auftrag: …

AUDIO-MITTSCHNITTE und VORHÖRER auf telegraph #133/134

Die zeitschrift telegraph präsentiert vier Audio-Mittschnitte von Autoren-Lesungen der Zeitschrift telegraph – im Rahmen des Literaturfestes: DIE WACHEN SIND MÜDE – Widerständige Literatur im Wandel der Revolutionen, am 6. November 2017 in der Fehre 6, Berlin Prezlauer Berg und – im Rahmen einer Veranstaltung zum 80. Jahrestages des Spanischen Krieges, am 13. Juni 2017, in der Kultur- und Schankwirtschaft BAIZ, Schönhauser Allee 26A, 10435 Berlin, las Gerhard Hanloser vorab einen Text, der im telegraph 133/134 erscheinen wird. Jannis Poptrandov – Die unwiderrufliche Notwendigkeit des großen Bumm Bumm Marek Winter – Subjekte in der Krise, aber keine Revolution am Horizont Florian Ludwig – Revolution? Um 7:31 Uhr von Bahnhof Gesundbrunnen, Gleis4 Gerhard Hanloser – Der Spanische Bürgerkrieg als Vater & Sohn Geschichte

Eine Frau sieht rot

Sie lebt mit ihren geliebten zwei Hunden in einem kleinen polnischen Ort der Sudety, der ehemaligen deutschen Sudeten, nahe der tschechischen Grenze, ist Mitte 60 und ein bisschen verrückt: Janine Duszejko, die darauf besteht, bei ihrem Nachnamen genannt zu werden. Wäre sie vollständig verrückt, könnte die Leute sie ignorieren, aber sie ist durchaus auch von dieser Welt: sie hat früher mal Brücken gebaut und unterrichtet jetzt noch Englisch an der örtlichen Grundschule.



Von Angelika Nguyen

Michael Schröter: Mäcke Häring - Der falsche Eckensteher

„Mäcke Häring“ Eine Graphic Novel-Kriminalserie aus Berlin

eine Rezension von Jenz Steiner

Michael Schröter aus Berlin Prenzlauer Berg gehörte einst zu den Zeichnern des „Mosaik“. Mit „Mäcke Häring“, einer Graphic Novel-Kriminalserie bedient er seit sechs Jahren die Ästhetik der DDR-Kultzeitschrift. Viel spannender ist jedoch der gut recherchierte Einblick in das Berliner Kulturleben der Zwanziger Jahre mit den frühen Vorboten des aufkommenden Faschismus in Deutschland. Jenz Steiner hat sich Schröters aktuelle Veröffentlichung „Der Falsche Eckensteher“ genauer angesehen.

30 Jahre Antifa im Osten

AUDIO-MITSCHNITT: ANTIDEUTSCH IN OSTDEUTSCHLAND

Am 12. Oktober 2017 fand eine Veranstaltung der Zeitschrift telegraph, in der Kultur- und Schankwirtschaft BAIZ, Schönhauser Allee 26A, 10435 Berlin, statt. Auf der Veranstaltung, im überfüllten BAIZ, wurde das Buch „30 Jahre Antifa in Ostdeutschland – Perspektiven auf eine eigenständige Bewegung“ von Christin Jänicke, eine der HerausgeberInnen vorgestellt. 30 Jahre nach Gründung der ersten unabhängigen Antifa-Gruppen in der DDR bietet das Buch unterschiedliche Perspektiven auf diese Bewegung. Schwerpunkt dieser Veranstaltung sollte aber die Auseinandersetzung mit den Generationenbrüchen und Konflikten sein, die mit der Verbreitung antideutscher Positionen in der ostdeutschen Linken verbunden waren. Ein Spezifikum ostdeutscher Antifa-Bewegung sei (so meint der Autor Marek Winter) die starke Prägung durch antideutsche Positionen. Diese etablierten sich in der Szene ab Mitte der 1990er Jahre. Dieser Prozess hätte den ersten großen Generationenkonflikt in der ostdeutschen Antifa markiert. OST:BLOG präsentiert und empfiehlt hier den Audio-Mitschnitt der Veranstaltung:

Schöne Aussichten – Lesung der Zeitschrift telegraph

im Rahmen des Literaturfestes DIE WACHEN SIND MÜDE – Widerständige Literatur im Wandel der Revolutionen 1 bis 9. November 2017 Die in Berlin erscheinende Zeitschrift telegraph wurde im Oktober 1989 gegründet. Bis heute, zwischen allen Stühlen sitzend, werden Texte zu aktuellen politischen Entwicklungen, radikalem Widerstand und geschichtlicher Aufarbeitung publiziert. Gewürzt mit kulturellen Randerscheinungen und sportlichen Betätigungen erscheint der telegraph in Buchdicke zweimal im Jahr. Bald ist es wieder soweit. Eine Vorschau gibt es in der Montagsbar. Montag 6.11., 20 Uhr, Fehre 6, Fehrbeliner Str. 6, 10119 Berlin – Prenzlauer Berg Vortragende: Florian Ludwig, Jannis Poptrandov, Marek Winter

Liebe in den Zeiten der Massentierhaltung

„Körper und Seele“, Ungarn 2017, Buch und Regie: Ildiko Enyedi



Der Film beginnt in großer Stille, in einem Wald. Dort leben eine zierliche Hirschkuh und ein kapitaler Hirsch zusammen, ein Pärchen, sie horchen, trinken, laufen, ungestört und frei, Hufe kratzen, Blätter rauschen.



Von Angelika Nguyen

Das rettende Klopfzeichen

„Die guten Feinde – mein Vater, die Rote Kapelle und ich“, Dokumentarfilm von Christian Weisenborn

Von Angelika Nguyen

Das Problem vieler Deutscher seiner Generation, Sohn eines Nazivaters zu sein, hatte Christian Weisenborn (Jahrgang 1947) nicht. Im Gegenteil, sein Vater, Günther Weisenborn, Widerstandskämpfer der Roten Kapelle, wurde eine Identifikationsfigur des Anti-Establishments in der restaurierten Bundesrepublik, dann Idol der 68er Bewegung und später sogar Symbolfigur des rebellischen Filmemachers Reiner Werner Fassbinder, der ihn in seinem Film „Lili Marleen“ selbst verkörpert. Die Szene zeigt der Film gleich in den ersten Minuten.
Eine 8-mm -Familienaufnahme zeigt dann die jugendlichen Brüder Sebastian und Christian Weisenborn auf einem Bahnsteig, wie sie beide im Spaß versuchen, ihren Vater auf Händen zu tragen; mit Einverständnis, Zärtlichkeit und Liebe zwischen den Generationen, wovon andere nur träumen.