Fluchtbewegung

aus telegraph 1/1989 (#01)

Als ADN am 4. Oktober meldete, in Übereinkunft mit der CSSR habe sich die Regierung der DDR entschlossen, auch die Personen, die sich neuerlich wieder in der Botschaft der BRD in Prag aufhieltem, über die DDR in die BRD auszuweisen (hauptsächlich aus menschlichen Erwägungen gegenüber den Kindern), konnte diese großmäulige nachträgliche Rationalisation nur noch einen peinlichen Eindruck hinterlassen.

Nach dem Abtransport der letzten 5.000 Botschaftsbesetzer durch die Deutsche Reichsbahn in den Westen war es sehr schnell zu neuen Aufläufen in den BRD-Botschaften in Prag und Warschau gekommen. BRD-Außenminister Genscher beeilte sich mit dem Wort von den „Nachzüglern“ eine ähnliche Lösung vorzubereiten. Die DDR-Regierung protestierte und verwies auf ein Abkommen, nach dem die BRD in ihren Botschaften keine neuen Flüchtlinge aufnehmen wollte. Genscher wies zurück: Es könne keine Veträge mit der DDR über die Botschaften der BRD in souveränen Staaten geben. Die BRD sei nicht für den Flüchtlinsgsstrom verantwortlich.

Ob nun tatsächlich, wie aus osteuropäischen Botschaftskreisen zu hören war, Gorbatschow im Falle des anhaltenden Problems der DDR die Absage seines Besuchs zum 40. Jahrestag angedroht hat, bleibt unklar. Jedenfalls baute die DDR-Regierung zuerst neuen „Nachzüglern“ vor und sperrte einfach die Grenze für den visafreien Verkehr in die CSSR. Honecker habe, teilte der britische Medienzar Maxwell aus dem Inhalt eines Gesprächs mit, der riesige Zufluß beunruhigt und er entschloß sich, die Grenzen zur CSSR zu schließen, „damit der Fluß von Menschen über diesen Weg aufhört“. Eine offizielle Begründung gab es dazu auch noch: „Bestimmte Kreise in der BRD bereiteten weitere Provokationen zum 40. Jahrestag der DDR vor, die gegen Ruhe und Ordnung gerichtet seien.“

Jetzt ging es mit voller Energie an die Nachzüglerregelung. Nicht gedacht hatte man freilich daran, daß „Menschenströme“, die gestoppt werden, sich nicht etwa verlaufen, sondern in höchst staatsgefährdender Weise zu Staus neigen, in diesem Fall an Bahnhöfen und Strecken, die durch die Prager Flüchtlingszüge vermutlich durchquert werden mußten.
Am Dresdner Bahnhof etwa, wo sich nach verschiedenen Angaben 1.00 bis 3.00 Personen auf Bahn¬steig 5 gesammelt hatten und probeweise erstmal einen Zug aus der Gegenrichtung stoppten, testete die ratlose Behörde das ganze Arsenal von Vertröstungen und Drohungen durch. Von „Bürger, wenden Sie sich mit ihrem persönlichen Anliegen an die Abteilung Inneres, treten Sie die Heimreise an!“ bis „Verlas¬sen Sie sofort den Bahnhof, volkspolizeiliche Maßnahmen werden jetzt anlaufen!“. Nichts zog mehr und erst mit Knüppeleinsatz und zahlreichen Festnahmen gelang es, den Bahnhof vorläufig zu räumen.

Soviel „Technische Schwierigkeiten“ hatten die Züge schon auf dem Weg nach Prag. Nachdem die Sonderzüge der Deutschen Reichsbahn dann endlich mit den Flüchtlingen Prag verlassen konnten, ver¬schwanden sie 8 Stunden in der DDR, gejagt von tausenden von Ausreisewilligen, heimlich über ver¬schlungene Strecken geführt, sorgsam verteidigt von den Genossen der Volkspolizei. In Dresden kam es während der Nacht erneut zu Demonstrationen von tausenden von Ausreisewilligen vor und auf dem Bahnhof. Bei zum Teil gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden Pflastersteine gewor¬fen, ein Auto angezündet und Fensterscheiben des Bahnhofs eingeworfen. Nach Angaben aus Dresden gab es 45 verletzte Demonstranten und 45 verletzte Polizisten. Wie es scheint, wurde damit eine Demon¬strationspraxis für Ausreisewillige eingeführt. Seitdem sammeln sie sich täglich vor dem Dresdner Bahnhof. Meldungen aus Dresden zufolge werden als Reaktion auf die Ereignisse jetzt im Dresdner Staatssicherheitsgebäude Ausreisegenehmigungen am Band verteilt. Andere Quellen sprechen immerhin von 2 Tagen Bearbeitungszeit. Und schon warten neue Flüchtlinge in Prag und Warschau, ganz zu schweigen von den täglichen 500, die über Ungarn gehen.

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