Editorial telegraph #118/119

KRISEN UND JUBILÄEN

Die Finanz- und Weltwirtschaftskrise scheint in Deutschland bisher ohne große Revolten und Unruhen über die Bühne zu gehen. In Island wurden Neuwahlen fällig und die alte Regierung aus dem Amt gejagt. Die Regierungen der führenden Industriestaaten versuchen einen Balanceakt zwischen Sicherung des verkommenen Banken- und Finanzsystems mit hunderten Milliarden Euro, einer nie dagewesenen „Neuverschuldung“ (Scheiß auf die „Generationengerechtigkeit“ bei gleichzeitiger Gesetzgebung zur „Schuldenbremse“ für die nachfolgenden Politiker) und den Häppchen für die Kleinen – mit 50 Millionen lässt der Staat den Quelle-Versandkatalog drucken, damit 8.000 Arbeitsplätze öffentlichkeitswirksam erhalten bleiben. Der Staat tut was, damit Ruhe und Ordnung im Land gesichert und alles beim Alten bleibt. Auf Krisen folgen eben nicht automatisch innenpolitische Umbrüche. Wenn wir die Wahlergebnisse zum Europaparlament oder den Kommunen ansehen, scheint sich nichts Wesentliches in diesem Land geändert zu haben. Es gibt keine Abwahl, weder an der Wahlurne noch durch die „Straße“. Wann empfindet die Bevölkerung, oder große Teile von ihr, die aktuelle Situation als so unerträglich und ungerecht, dass sie dagegen aufbegehrt? Wir thematisieren im neuen telegraph Ursachen und Scheitern von Revolten und Revolutionen. Als Organ des Herbst ´89 haben wir auch publizistisch den Umbruch in der DDR vor 20 Jahren erlebt und mitgeprägt, da wurde aus dem DDR-Oppositionsblatt Umweltblätter die Zeitschrift telegraph, um schneller auf aktuelle Ereignisse reagieren zu Editorial können. Die heutige Umschreibung der damaligen Ereignisse durch konservative Politiker, Historiker und ihre Medien, hat eine klare Ausrichtung: Weg von der Forderung des Herbst ´89 für einen demokratischen Sozialismus. Wie wir in diesen Tagen immer wieder hören müssen, sollen die Menschen 1989 für ein wiedervereinigtes Deutschland auf die Straße gegangen sein. Dabei wird verschwiegen, dass erst das Scheitern der Revolution zur Vereinigung führte. Gab es keine andere Möglichkeit, war alles unabwendbar? Darüber lässt sich streiten, worüber aber nicht gestritten werden muss, ist die Tatsache, dass alle aktiven DDR-Oppositionsgruppen und neuen Vereinigungen von 1989 mit der Politik der damaligen Bundesrepublik unzufrieden waren. Alle anderen Behauptungen können nur durch individuelle Entwicklung zu einem konservativen Burgfrieden erklärt werden oder mit der Sehnsucht danach, auch einmal zu den Siegern gehören zu wollen. Antikommunismus und Kapitalismus-Umarmung gehörten nie zu den Charakteren der Oppositionsgruppen. Jegliche Vereinnahmungsversuche politischer Kreise aus dem Westen wurden bis zum Herbst ´89 strikt zurückgewiesen. Das dann doch alles so schnell ging, vom 7. Oktober 1989 bis zum 3. Oktober 1990, zeugt von einer unvorhersehbaren inneren Dynamik und dem Kaltstellen der Herbstakteure durch die bundesdeutschen Parteien und Medien. Forderungen nach einer Reformierung der Gesellschaft wurden nach und nach leiser. Zwar gab es keine offi zielle Abkehr von der Forderung nach einem demokratischen Sozialismus, sie wurde aber von der Mehrzahl der Akteure des Herbstes 89 zunehmend gemieden bzw. der PDS überlassen. Dieses Wohlverhalten wurde umgehend honoriert. Was zwischen Ost und West folgte waren keine Gespräche unter Gleichen, sondern lediglich Beitrittsverhandlungen. Mit dem 20. Jahrestag der gescheiterten Herbstrevolution von 1989 und dem das Jubiläum begleitenden Propagandafeldzug ist die offi zielle Geschichtsumschreibung offensichtlich endlich am Ziel: „Unsere Revolution“ wollte Kapitalismus, Marktwirtschaft, NATO und Deutsche Einheit. Das Prekariat scheint im Gegensatz zur einstigen Arbeiterklasse keine gemeinsame Kampf-Kultur, keinen gemeinsamen Kampf- Horizont zu besitzen. Egal, ob es sich um einen Hartz IV-Empfänger in Berlin handelt, einen polnischen Supermarkt-Zeitarbeiter oder die zu inneren Feinden erklärten Banlieue-BewohnerInnen in Frankreich. Sie alle kämpfen vielmehr vereinzelt nur darum, ihren Status als Benachteiligte abzuwerfen. Eine gemeinsame politische Front scheint gegenwärtig noch nicht greifbar bzw. vermittelbar zu sein. Wie die Logik der Atomisierung funktioniert erzählt Mathieu Rigouste am Beispiel der französischen Banlieues. Der französische Ideenhistoriker François Cusset erklärt die Degeneration der Linken in den 80er Jahren und die reaktionäre Metamorphose der Intellektuellen. Die polnischen Oppositionellen Tadeusz Kowalik und Karol Modzelewski, zwei linke Nestoren des Widerstandes, erklären die Grundlagen des Scheiterns revolutionärer Bestrebungen in Polen. Thomas Klein macht auf den „Gleichklang von Parolen staatstragender westdeutscher konservativer und ostdeutscher politbürokratischer Apologeten des „Ruhe-Ordnung-Sicherheit“-Kartells“ aufmerksam. Wir wissen: Sprache ist eng mit Denken und Handeln verbunden, fast unglaublich, wie ähnlich sich diese Gestalten in Ost und West waren und sind. Daneben wie immer Internationales, diesmal u.a. aus Griechenland, Venezuela und der Schweiz. Ganz herzlich möchten wir uns bei dem in New York und Berlin lebenden Künstler Jim Avignon bedanken, der uns für dieses Heft aktuelle Zeichnungen fertigte (www.jimavignon. com).

Eure telegraph-Redaktion

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