Mediales

Von Jochen Knoblauch

Bücher, Bücher, Bücher. Der Sommer ist (fast) vorbei, die Bücher (fast alle) weggelesen, und die neuen warten schon … Es hört wohl nie auf, aber wer will sich schon beschweren? Und im Oktober die Frankfurter Buchmesse, die – gerade für die Kleinverlage – immer unattraktiver wird, weil zu teuer und das Verbot, dort Bücher zu verkaufen, immer noch besteht. Trotzdem ist der Herbst immer noch die Zeit, wo die Verlage ihr zweites Programm mit Neuerscheinungen präsentieren, und bevor die neuen da sind, hier nun noch ein paar Büchertipps im Rückblick.

Anarchie

Anarchismus wird immer noch – vor allem in der bürgerlichen Presse – mit Gewalt gleichgesetzt. Dieses Image stammt aus der Zeit um 1900 herum. Dies wird thematisiert in dem Buch: „Propaganda der Tat. Standpunkte und Debatten.“ Unrast Verlag Münster 2016, herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Philippe Kellermann, Reihe: Klassiker der Sozialrevolte Bd. 26, 288 S., 16 Euro. Kellermann ist inzwischen ein Garant für informative, gute Publikationen. Im Übrigen ist die Reihe Klassiker der Sozialrevolte außerordentlich empfehlenswert.

Ein Gegenpol zur herrschenden Meinung, dass Anarchismus = Gewalt sei, ist im umfangreichen Masse das Buch: Sebastian Kalischer, Gewaltfreier Anarchismus & anarchistischer Pazifismus. Auf den Spuren einer revolutionären Theorie und Bewegung. Illustriert von Daniel Grunewald. Verlag Graswurzelrevolution Heidelberg/Berlin 2017, 278 S., 16,90 Euro. Mit zahlreichen internationalen Porträts von Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen, vom 16. Jahrhundert bis in unsere Tage, sowie einer 23seitigen Bibliographie. Somit kann dieses Buch getrost ein Standardwerk genannt werden.
Ein Interview-Band mit 17 Gesprächen zwischen dem Koordinationsredakteur der größten deutschsprachigen, anarchistischen Monatsschrift Graswurzelrevolution und diversen Projekten und Einzelpersonen sind jetzt im dritten Band vereinigt: Bernd Drücke (Hg.), Anarchismus Hoch 3 – Utopien, Theorie, Praxis. Interviews und Gespräche. Unrast Verlag Münster 2016, m. Abb., 251 S., 16 Euro. Dieser, wie die zwei zuvor im Karin Kramer Verlag erschienenen Bände geben einen guten Einblick in die aktuelle anarchistische Szene. (Enthält auch ein Interview mit mir zum Thema „Gilt in der Anarchie die StVO“ und ist daher fast Eigenwerbung, sorry.)

Das Buch des Jahres ist für mich: Norbert „Knofo“ Kröcher, K. und der Verkehr. Erinnerungen an bewegte Zeiten. Erster Teil 1950-1989. Herausgegeben von Bert Papenfuß, BasisDruck Verlag Berlin 2017, mit Abb., 496 S., 28 Euro. Ein subjektiver und starker Einblick in das Leben eines (hauptsächlich westdeutschen) Aktivisten der linken, militanten Szene der 1970er und 80er Jahre. Mitbegründer der Bewegung 2. Juni, Bankräuber und vieles, vieles mehr. Der Humor und die schnoddrige Sprache von Knofo tun ihr übriges.

Lokales: Die „Gustav Landauer Denkmalinitiative (Berlin)“ hat zwei interessante, kleine Broschüren herausgebracht: „Der „Fürstenhof“ (Køpi) und die anarchistische Bewegung in der Luisenstadt/Kreuzberg bis 1933“ (Berlin 2017, 2. korrigierte und erweiterte Aufl., 43 S.) und „Agnes Reinhold, eine vergessene Kämpferin der anarchistischen Bewegung“ (Berlin 2017, 43 S.) jeweils gegen Spende plus Porto erhältlich. Kontakt über: https://gustav-landauer.org/denkmal

Der ehemals aus Neukölln stammende, jetzt in Potsdam ansässige Libertad Verlag hat nach jahrelangen Internetaktivitäten (DadA – Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, sowie die digitale Version des Lexikon der Anarchie) jetzt wieder Bücher in Angriff genommen. Als aktuelle Neuerscheinung kam jetzt Nicolas Walter, Betrifft: Anarchismus / Jochen Schmück, Leitfaden in die Herrschaftslosigkeit. Libertad Verlag Potsdam 2018, 198 S., 12,80 Euro heraus. Neben der Einführung in den klassischen Anarchismus, nach Schlagworten sortiert, enthält der Band eine 100seitige Bibliographie zum Thema. Der Nicolas Walter-Text, der bereits 1979 auf Deutsch erschienen ist, wurde noch von Walter 2002 erweitert und hier neu übersetzt. Jüngere, neue Soziale Bewegungen und anarchistische Neudefinitionen aus den USA fehlen hier. Dies ist ein Buch für die Basics, und daher als Einführung immer noch unerlässlich.

Ab gedichtet

Der gONZo-verlag aus Mainz bringt seit 2012 eine kleine und feine Din-A-6-Reihe mit Gedichten heraus. Angefangen mit Hadayatullah Hübsch‘s „Schau zurück in Liebe“ über Enno Stahl‘s „irische couplets“, Hermann Borgerding‘s „the last songs“ zu Clemens Schittko‘s „der aufstand kommt so oder so“. Die Hefte haben zwischen 12 und 19 Seiten und kosten zwischen 3,00 und 5,00 Euro. Sehr empfehlenswert. Im Internet: https://www.gonzoverlag-shop.de/gonzoverlag/verstreute-gedichte/

Etwas zu Unrecht untergegangen im allgemeinen Tagesgeschäft ist der tolle Gedichtband: Kai Pohl, penfields traum. Gutleut Verlag Frankfurt/M. 2016, 95 S., 19 Euro. Mit einem interessant-gestalteten Buchumschlag, werden hier verstreute Gedichte versammelt von 1989 bis 2016, teils unveröffentlichte, bzw. in diversen Zeitschriften und seltenen Publikationen, sowie eine Auswahl der von Pohl entwickelten Piktogramme, wie etwa „Bürgerkrieg“ statt „Burger King“.

Absolut empfehlenswert ist auch: Clemens Schittko, Ein ganz normales Buch. Freiraum-Verlag Greifswald 2016, 127 S., 14,95 Euro. Schittko gehört für mich zu den politischen Lyrikern, die mit starker Sprache und eindringlichen Rhythmus, weniger das hohe Lied der Utopie singen, sondern eher die sozialen Missstände in diesem einer der reichsten Länder der Welt anprangern. Auch wenn er hier in diesem Band mit dem Gedicht „Politik interessiert mich nicht“ versucht uns Gegenteiliges zu vermitteln. Sehr beeindruckend.

Unbedingt aufmerksam möchte ich hier an dieser Stelle mal auf den Autor, Dichter, Übersetzer, Maler usw. Egon Günther machen. Zwischen Dezember 2017 und Mai 2018 legte Günther gleich vier Arbeiten vor: Als Autor: orchIdeen. Gedichte. Peter Engstler Verlag Ostheim/Rhön 2018, Aufl. 111 Ex., 12 unpaginierte Seiten, signiert, 9 Euro. Das Günther großartige Gedichte schreiben kann, hat er in verschiedenen Büchern unter Beweis gestellt. Als Übersetzer: Dale Pendell, Geistertanz. Gedichte. Dtsch./engl., Peter Engstler Verlag Ostheim/Rhön 2017, 51 S. 14 Euro. Amerikanische Naturlyrik mit psychodelischen Einschlägen. Und: Charles Plymell, Rauchzeichen. Gedichte. Dtsch./engl. Peter Engstler Verlag Ostheim/Rhön 2018, 32 S., 12 Euro. Der kürzlich verstorbene 83jährige Plymell gehört zu jenen Post-Beat-Dichtern, denen selbst der Alternativ-Patriotismus eines Bruce Springsteen („Born in the USA“) zuwider ist. Im Fall dieser beiden Übersetzungen wurden als Einbände die raren Malereien von Egon Günther verwendet. Und zum Schluss als Herausgeber: Hilde Kramer, Rebellin in München, Moskau und Berlin. Autobiographie 1901-1924. BasisDruck Verlag Berlin 2018, 220 S., 18 Euro. Die autobiographischen Fragmente einer radikalen und selbstbestimmten Frau, die aktiv an der Münchener Räterepublik beteiligt war, in Berlin mit Erich Mühsam, Franz Pfemfert u.a. verkehrte und als Stenografin am 2. Weltkongress der Kommunistischen Internationale teilnahm.

Und noch eine Empfehlung für die Evangelen: Karsten Krampitz, „Jedermann sei Untertan“. Deutscher Protestantismus im 20. Jahrhundert. Alibri Verlag Aschaffenburg 2017, 352 S., 20 Euro. Krampitz liefert ein messerscharfes Porträt der evangelischen Institutionen während der NS-Zeit, der BRD und der DDR und hält ihnen den Spiegel vor, die in erster Linie obrigkeitshörig waren und ihre zahlreichen blinden Flecken eher verbergen, als sich damit auseinanderzusetzen.

So, das war es dann erst mal wieder. Ich hoffe, dass ich Euch neugierig machen konnte, und denkt daran, wenn Ihr schon Bücher im Internet kauft, dann bitte bei den Verlagen direkt, aber immer noch besser ist es, beim Buchladen Eures Vertrauens zu kaufen, und auch Bestellungen dauern hier i.d.R. nicht viel länger, meistens geht das schon von einem auf den anderen Tag.

Lesen, kämpfen, lieben.