Postzeitungsvertrieb blockiert Alternaivblätter

Ist es Marktwirtschaft, Bestechung oder Zensur?
aus telegraph telegraph 7/1990

Unübersehbar hat sich die Medienlandschaft in der DDR seit einigen Wochen verändert.

Trotzdem dürfte es manchem entgangen sein, daß es neben den Bild-Schlagzeilen auch neue Publikationen aus der DDR gibt. Wesentlich beteiligt an der Desinformation scheint der Postzeitungsvertrieb (PZV) zu sein, der absolute Vertriebs-Monoplist der DDR. Er entscheidet letztendlich über die Auflagenstärke einer Zeitung (Zeitschrift). Nach eigenen Angaben richtet sich diese Entscheidung nach dem Interesse der Leser, d.h. nach der Anzahl der Abonnenten bzw. der verkauften Exemplare (sollten wir jedenfalls meinen). Offenbar gibt es aber noch andere wichtige Kriterien bei einigen Zeitungsverkäufern, denn manche Publikationen, vorzugsweise alternative, sind nur als schmale Streifen zu sehen (Begründung Platzmangel) oder sie erscheinen überhaupt nicht in der Auslage und die ausgelieferten Exemplare werden postwendend zurückgesandt. Welche Gründe es dafür gibt – sind es die höhere Beteiligung am Gewinn bei West-Zeitungen oder die politischen Auffassungen der Verkäufer -, ist schwer nachvollziehbar (siehe auch Artikel zum Berliner Verlag). Die Folgen sind jedenfalls dieselben. Treten solche Erscheinungen gehäuft auf, beeinflussen sie die Verkaufszahlen und damit die Existenz der Zeitungen.

Die Möglichkeiten der Manipulation sind damit aber noch lange nicht ausgeschöpft. Einige Zeitungsverkäufer in Ostberlin berichteten, daß sich z.B. die „taz“ bei ihnen gut verkauft und sie deshalb die Bestellung beim PZV erhöhten. Zwei Wochen danach hatte sich an der Belieferung noch nichts geändert. Aus südlichen Bezirken berichten Leser von „Die Andere“, daß sie die Zeitung 14 Tage zu spät erhalten. Einziger Kommentar der Verantwortlichen beim PZV: „Das können wir uns nicht vorstellen.“

Ob hier die alten bürokratischen Hürden oder andere Interessen bremsen, das Fazit bleibt wieder dasselbe. Was gelesen wird, entscheidet nicht der Leser, sondern der Vertreiber.

Auch der „telegraph“ scheint wieder mal an eine Schranke der Bürokratie gestoßen zu sein. Was für die „Weltbühne“ machbar ist, Versand durch die Post ohne Umschlag mit Adressenaufkleber, scheint für uns aus unerfindlichen Gründen unmöglich.

t.s.