Wer regiert in den Aufnahmeheimen?

Rückkehrer aus dem Westen wieder in den Händen der Stasi-Nasi?
Aus telegraph 01/1990, vom 8. Januar

Wer aus dem Westen in die DDR zurückkommt, muß gute Gründe haben, nach den ersten Erfahrungen im sogenannten Aufnahmeverfahren nicht gleich wieder die Segel zu streichen und ein zweites Mal zu flüchten. Er landet in den Händen der Behörde, von der man jetzt nicht genau weiß, wie ihr aktueller Name lautet und von der Gerüchte behaupten, sie sei aufgelöst worden.

Die erste Adresse, an die Rücksiedler gelangt, ist das „Aufnahme- und Informationsamt für ehemalige DDR-Bürger“ in der Pankower Parkstraße 41. Eine Villa mit Messingschild wie eine Botschaft, innen viele „Wohnzimmer“ mit Plüschsesseln, Anbauwand und dickem Teppich. Wer hierher gelangt, wird zunächst weder aufgenommen noch informiert, sondern von anonymen männlichen Personen einem Verhör unterzogen: Wann und warum ausgereist? Mit wem zusammen ausgereist? Wo in der Bundesrepublik aufgenommen und v.a. von wem? Wo dort gewohnt, welche Arbeitsstellen? Welche Vorstellungen – beruflich und persönlich? „Haben Sie sich politisch betätigt, früher in der DDR oder dann in der Bundesrepublik? Empfanden Sie Staatshaß, als Sie die DDR verlie­ßen?“ Und immer wieder die Frage nach Namen. Zwischendurch verschwin­det der „Vernehmer“ aus unerfindlichen Gründen mehrmals jeweils für 10 bis 15 Minuten, um dann das Verhör noch einmal von vorn zu beginnen, wieder und wieder dieselben Fragen.

Am Schluß dann endlich die erhoffte Information: Fahren Sie möglichst sofort nach Röntgental in die Schönerlinder Straße, dort befindet sich das „Zentrale Aufnahmeheim des MdI“ – das Aufnahmeverfahren dort dauert drei Wochen, dann gibt es die Staatsbürgerschaft der DDR plus Wohnung. Alles Gute.

Laut Blechschild untersteht das Heim in Röntgental – ein eingezäunter Komplex mit Baracken, großen Garagen, einem nochmal eingezäunten inneren Bereich und wirklich einem Wohnhaus nach Art der Altershei­me – also dem Innenministerium. Es gibt auch ein paar überaus freund­liche Volkspolizisten dort, die übrigen Mitarbeiter aber tragen Zivil – und keinen Namen. Wer nach dem Namen fragt, bekommt zur Antwort: „Das ist bei uns nicht üblich“. Es sei auch nicht üblich danach zu fragen, warum es nicht üblich sei. Wer den Vernehmer fragt, ob man ihn Maier nennen kann, erhält die freundliche Auskunft: „Wenn es Ihnen Spaß macht“.

Außerdem muß man die Staatsbürgerschaft der DDR formlos beantragen. Wer darum bittet, von diesem Antrag sich einen Durchschlag machen zu können, wird beschieden: „Von diesem Heim hier bekommen Sie nichts Schriftliches mit“. Spätestens hier muß der Rückkehrer das Gefühl bekommen, wieder zu Hause zu sein. Die Stasi-Nasi, aufgelöst und ausgespuckt – es gibt sie wohl doch noch, und sei es versteckt in den Räumen des MdI.

Auch einen Hauch Orwell muß der Rückkehrer nicht missen. In jedem Zimmer, in dem er zum Schlafen untergebracht wird, befindet sich ein Lautsprecher, den man zwar leiser, aber nicht abstellen kann. Der bringt sowohl tagsüber als auch nachts (!) ein Radioprogramm. Sein Sinn aber besteht darin, die Heimbewohner zu den Gesprächen aufzuru­fen: „Frau XY in die 6. Etage bitte, Frau XY bitte in die 6. Etage“. So erfährt jeder, der gemütlich auf dem Sofa seiner eigenen Verneh­mung entgegensieht, die Namen seiner Mitbewohner.

Übrigens: Die Prozedur in Röntgental dauert nicht drei Wochen, sondern nur wenige Tage. Dann hat man zwar keine Staatsbürgerschaft und keine Wohnung, dafür aber einen PM 12 als Ersatzausweis für einen „Staatenlosen“, der nicht dazu berechtigt, in den Westen zu fahren. Außerdem bekommt man eine Einweisung in das „Bezirksheim des Magi­strats“ in der Marzahner Scheibenbergstraße, dessen Regime mehr dem offenen Strafvollzug ähnelt als einem Wohnheim freier Bürger. Gratis ist die Versicherung, daß in ein bis zwei Monaten alles erledigt sein könnte. Es gibt offenbar Bereiche in der DDR, wo noch nicht einmal die Tapete gewechselt wurde.

p.h.

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