AM TISCH MIT SUPER DJ’S

aus telegraph #104
von  Kay Wendel

„…WIE SEHT IHR DAS BEI ANDEREN THEMEN? PAUL, DU UNTERSTÜTZT ZUM BEISPIEL DIE NO HISTORICAL BACKSPIN INITIATIVE GEGEN RECHTSRADIKALISMUS UND AUSLÄNDERFEINDLICHKEIT
Väth: Diese Aktion ist doch für die Füße. Rechtsradikalismus gibt’s bei uns doch gar nicht. Würde man mal einen Pool einrichten, um Geld für Opfer zu spenden. Das wär mal ne coole Aktion. Aber irgendwelche DJs Listen unterschreiben zu lassen, bringt doch gar nichts.

van Dyk: Aber darauf beschränkt sich No Historical Backspin zum Beispiel gar nicht. Da werden ja auch Veranstaltungen gemacht, wo die DJs umsonst auflegen

Väth: … toll! Noch ne Veranstaltung in einer Szene, wo das überhaupt nicht passiert.

Westbam: Na sagen wir mal so, da haben wir gerade in Ostdeutschland natürlich eine andere Sicht auf die Dinge. Da ist das ein Riesenproblem.

Väth: Also ich habe das noch nie erlebt. Ich kann natürlich nicht in die Köpfe der Leute schauen, aber ich wurde damit noch nie konfrontiert.

van Dyk: Wichtiger ist es doch, damit Zeichen zu setzen. Es gibt auch auf unseren Partys eine ganze Menge wirrer Köpfe, die nicht so genau wissen, wie sie sich orientieren sollen. Und das ist mir dabei wichtig. Neben der Tatsache natürlich, dass mit dem Geld von den Partys auch für Opfer gespendet wird.
Westbam: In bestimmten Regionen, vor allem in Ostdeutschland ist die Situation natürlich sehr perspektivlos. Da ist sozusagen Nazisein so ziemlich das einzige Freizeitangebot, dass geboten wird. Das ist die traurige Wahrheit. Ich denke allerdings, dass man schon in dem Moment, wo man dort hingeht und eine Party macht, schon etwas dagegen unternimmt. Schlicht und einfach, weil das eine andere Kultur ist, die ein Gegenbeispiel gibt und das Bewusstsein öffnet. Deshalb halte ich von diesen Aktionen wie No Historical Backspin auch nicht viel. Diese Leute machen sich für mich eher verdächtig, weil sie da als Oberlehrer auftreten, den Zeigefinger rausholen und sagen: “Seit mal nicht so Leute.” Dann ist das Ergebnis, dass man sich nur als Arschloch vom Establishment zeigt. Wenn’s in diesen Orten mehr Perspektiven geben würde, gebe es auch diese Probleme nicht.

van Dyk: Also ich finde die Zeichen, die so eine Veranstaltung setzt, OK. Deshalb mache ich ja auch da mit.

Hell: Das ist ein schwieriges Thema. Und natürlich gibt es diese Probleme. Ich hab auch schon Schießereien in Clubs im Osten auf der Tanzfläche miterlebt. Es ist nur schwierig in meiner Position daran etwas zu ändern.

Väth: Das ist doch auch gar nicht unsere Aufgabe. Die Message, die wir mit unserer Musik senden, ist doch wohl eindeutig genug. Damals habe ich mit dem Marc von PCP auch diese Aktion “No More Ugly Germans” gemacht. Aber ich habe selbst nie Probleme dieser Art im Club erlebt.
van Dyk: In Berlin ist man da schon näher an Eberswalde, Hoyerswerda oder Brandenburg dran, wo diese Sachen dann halt schon passieren.

Hell: Aber vermutlich ist man zum Beispiel im Fußballstadion an diesen Leuten näher dran als im Club…“
(Interviewausschnitt aus der Zeitschrift Groove/ #69)

Ignoranz ist Ignoranz. Gleich, ob es sich um einen x-beliebigen Bürgermeister einer x-beliebigen Stadt in Brandenburg handelt, der mit
seinem Sehfehler kokettiert und behauptet, in „seiner“ Stadt gebe es so etwas nicht wie Rechtsradikalismus. Oder ob ein DJ wie Sven Väth Derartiges von sich gibt und die Aktion „No Historical Backspin“ niedermacht.

Vielleicht ist Sven dem bequemen Selbstbild der Techno-Szene auf den Leim gegangen, die Szene sei „unpolitisch“, vielleicht liegt es aber einfach nur daran, dass Sven für Provinz-Clubs in Ostdeutschland wohl eher selten gebucht
wird.

Als „Opferperspektive“, als eine der Initiativen, der der Erlös aus der Aktion zugute kommt, finden wir die Aktion längst überfäl-lig. Auch deshalb, weil Rassismus und rechte Gewalt kein der Techno-Szene äußerliches Problem sind. Wie sollte das auch anders sein? Rassistische Einstellungen sind in Ostdeutschland in der Jugendszene zum mainstream geworden. „Rechts sein“ ist Normalität, der Rest behauptet von sich, „neutral“ zu sein, was bedeutet, die Nazis gewähren zu lassen. Und zur gleichen Zeit ist Techno mainstream geworden. „Raver sein“ und „rechts sein“ sind keine Gegensätze mehr.
Letzte Woche konnte ich das im Gerichtssaal wieder beobachten. Wir hatten einen 54-jährigen Wachmann aus Neustadt in Brandenburg begleitet, der im Oktober letzten Jahres von vier Neonazis halb tot getreten wurde. Die Nazis waren am Rumfahren, auf der Suche nach Opfern, egal ob „Zecken“ oder “Ausländer“. Der Sound zur Prügeltour war „rechte Musik“ und Techno. Alfred F., der Wachmann, kann sich noch an die lauten Bässe aus dem Auto der Täter erinnern, als er nachts vor dem Flüchtlingsheim seine Runde drehen wollte. Sie sprachen ihn an, ob er rechts oder links sein, als er antwortete, er stehe in der Mitte, schlugen sie ihn zusammen. Sie traten auch noch auf ihn ein, als er schon bewusstlos auf dem Boden lag. Nur das Eingreifen eines kurdischen Heimbewohners rettete Alfred F. das Leben.

Als „Opferperspektive“ haben wir Alfred F. bei seiner Zeugenaussage vor Gericht begleitet. Im Publikum saßen die Freunde der Täter, teils im klassischen Nazi-Skin-Outfit, teils in Raver-Klamotten. Sie lachten, als verlesen wurde: „Den klatschen wir auf“. Alfred F. leidet noch heute unter den Folgen des Angriffs. Zurückgeblieben sind die Schmerzen eines Kieferbruchs und eine Traumatisierung. Immer wenn er laute Techno-Bässe aus einem Auto hört, überfallen ihn Angstgefühle und er ist wie gelähmt.

Ein Sonderfall? Mitnichten. Mittlerweile ist es auf jedem zweiten Rave in Brandenburg so, dass dort Nazis rumrennen und Stress suchen. Manchmal kommt es zu Schlägereien, aber auch sonst ist die Party für Leute gelaufen, die
“anders“ sind. Der Spaß ist vorbei, wenn dort Hooligan-Typen in fetten Lederjacken am Bierstand abhängen und alles, was anders aussieht, mit bösen Blicken abscannen. „Anders“, das heißt: nicht weiß/deutsch, schwul, lesbisch, tuntig, Linke, Hippies, Dreadlocks. Wenn dann auch noch die Security mit den Schläger-Typen zusammenhängt, bekommt man es mit der Angst zu tun – und meidet solche mainstream-raves, auf denen die „Neutralen“ das Auftreten von rechten Schlägern als Normalität hingenommen haben.

Aber Sven Väth meint ja, es gebe kein Problem mit Rechtsradikalismus in der Techno-Szene.
Kay Wendel ist Mitarbeiter bei der Opferperspektive e.V. in Brandenburg (www.opferperspektive.de)

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