Kultur, Medien

Großes Kino zu Hause

Kleine Online-Filmfestivals als Video on Demand

Von Angelika Nguyen

Großes Kino zu Hause? Geht natürlich nicht. Entweder großes Kino oder Zuhause. Aber in Zeiten der Pandemie wird so einiges möglich. Seit dem 2. November letzten Jahres sind die Kinos nun zu, seit fast sieben Monaten – gefühlt aber: ewig.

Fand man früher, dass bestimmte Filme sich nur im Kino so richtig entfalten können, ist das heute ein Luxusproblem. Froh kann man sein, wenn sie bis zum tatsächlichen Kinostart gestreamt werden oder schon als DVD und Bluray erhältlich sind.

Die Filmbranche ist inzwischen gespalten. Während schon lange wieder gedreht werden kann, unter Auflagen, versteht sich und brandneue TV-Produktionen gesendet werden, sind die Filmverleihe und Kinos zermürbt. Sie leben von den Kinostarts. Auch da gibt es Unterschiede. Die großen Verleihe haben eigene Streamingdienste oder sich in große Streamingdienste eingekauft, während kleinere Verleihe erfinderisch sein müssen. Und von denen gibt es viele, für die politisches Engagement, Kunstbewusstsein und Nicht-Mainstream-Perspektiven zum Selbstverständnis gehören. Einige haben sich in die Spur gemacht und digitale Formate erfunden. Im telegraph schon mehrfach beschrieben wurde der besondere Verleih „Salzgeber“, der einen eigenen Club für wieder entdeckte und selbst editierte und eben auch seine nicht gestarteten Filme am Laufen hat.

Aktiv geworden ist auch absolut MEDIEN (Untertitel „Filmverlag der Spezialisten“), eigentlich ein DVD-Label mit filmhistorischem Engagement und aufklärerischem Ansatz, deutschsprachige Herausgeber beispielsweise des Gesamtwerks von Claude Lanzmann. Jetzt werden dort auch Streamings und Downloads angeboten. In Zusammenarbeit mit dem Filmverleih eksystent distribution läuft auf der Website von absolut MEDIEN außerdem gerade ein Art Filmfestival online. Titel: „FEMMES TOTALES“. Wohl in Auflehnung gegen den früher allgemein üblichen Projektions-Begriff „Femmes Fatales“ (= verhängnisvolle Frauen) ist „FEMMES TOTALES“ genau das, was es verspricht. Frauen sind nicht nur die Heldinnen aller Geschichten, sondern die Filme wurden auch durchweg von Frauen gemacht. Alle haben auf Festivals Preise bekommen. Solche Filme zu verbreiten ist desto wichtiger, wenn aktuell von der gerade gelaufenen Oscar-Veranstaltung zu erfahren war, dass die chinesische Regisseurin Chloe Zhao für „Nomadsland“ erst die zweite Frau ist, die überhaupt den Regie-Oscar erhielt!

Die Geschichten bei „FEMMES TOTALES“ spielen in der israelischen Armee, in einer schwedischen Plattenbausiedlung, auf einer Müllkippe vor Moskau, in einer Flugschule für Mädchen in Ghana, in den Straßen Teherans.

Da ist Zohar, die in der israelischen Armee mit drastischen Mitteln gegen Bürokratie und Sexismus kämpft („Null Motivation“, Spielfilm, Israel 2016). Oder Yula, das russische Mädchen, das mit seiner Mutter und anderen Leidensgenossen auf einer Müllkippe heranwächst („Yulas Welt“, Dokumentarfilm, Dänemark/Polen 2014). Oder Mirja, wohnhaft in einer Plattenbausiedlung am Rande von Stockholm, die frisch aus dem Knast kommt und eine Idee hat („Träum weiter“, Spielfilm, Schweden 2017) oder Masoum, die in Teheran in ein Taxi steigt, um für sich und ihr kleines Kind mit Prostitution beim Taxifahrer ihr Brot zu verdienen. („Geschichten aus Teheran“, Spielfilm, Iran 2014), und da sind siebzehn Frauen aus Frankreich und Belgien, die in verschränkten Interviews erzählen, was es bedeutet, in Mitteleuropa Schwarz zu sein („Speak up“, Dokumentarfilm, Frankreich 2017).

Der israelische Film „Null Motivation“ sagt schon im Titel, wie er seine Geschichte erzählt. Er spielt an einem der sensibelsten Orte der israelischen Gesellschaft: der Armee. Hier „keine Motivation“ zu haben bedeutet mehr als verletzte Dienstpflicht, es bedeutet den Gründungs-Mythos des Landes anzutasten: eine jüdische Heimat nach der Shoa gilt es zu schützen. Aber so meint es die Regisseurin Talya Lavie ja auch nicht. Vielmehr bricht sie den hehren Anspruch herunter auf den konkreten Armee-Alltag voller komischer und tragischer Details. Israel ist eines der wenigen Länder, in denen es die zweijährige Wehrpflicht auch für Frauen gibt. Angetreten wird der Dienst gleich nach Schulabschluss, das heißt, die Rekrutinnen sind sehr jung, oft noch Teenies. Die Regisseurin traut sich, in der Überspitzung der Komödie, von den Spannungen und Konflikten innerhalb dieser besonderen, abgeschlossenen Sozialstruktur zu erzählen, heilige Tabus zu verletzen, Missstände sichtbar zu machen und mutig die eigenen Landsleute zu kritisieren. Gender-Konflikte sind hier hochkonzentriert. So beobachtet die Hauptfigur Zohar, wie nur Frauen zum Kaffeekochen abgestellt werden und wie genüsslich ihnen dann beim Servieren Männer auf den Hintern starren. Also will sie nur in einem Bürostuhl fahrend den Kaffee servieren – und zerschmettert damit auch buchstäblich Geschirr. Aber auch ein Selbstmord und eine Fast-Vergewaltigung gehören zu diesem Armeefilm. Der Wunsch nach Gleichstellung funktioniert übrigens auch andersherum. Als Zohar zum nächtlichen Wachdienst eingeteilt wird und nörgelt, antwortet ihr der Mann: „Ihr wollt die Gleichberechtigung. Das hier ist sie.“

Der schwedische Spielfilm „Träum weiter“ (2017) ist präzise wie ein englisches Sozialdrama, nur lustiger und bei aller Brisanz auch leichter. In einer Szene sieht Hauptfigur Mirja so aus, als läge sie mit Sonnenbrille, Badeanzug, bunter Luftmatratze mindestens in einem Pool in Florida, in Wirklichkeit aber nur in einer Badeschüssel in einem kleinen Neubauzimmer mit Palmen-Tapete. Als Mirja, gerade aus dem Knast entlassen, beschließt, in einer Hotelküche einen ganz normalen Job anzunehmen, wird sie von ihrer Clique gemobbt. Hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht nach Ordnung und der wärmenden Freundschaft der Mädels, die wie sie aus prekären Familien kommen, kämpft Mirja sich durch den Film. Der Film sprüht vor Authentizität wie ein Ken Loach-Film, hat aber einen ganz eigenen rebellischen Erzählton. Liebevoll und ohne Happy-Ending-Ambitionen balanciert der Film seine Figuren am Rande der Wohlstandsgesellschaft immer kurz vor dem Absturz. Ein Aufsehen erregender Debütfilm.

Ganz anders der Erzählton in der Langzeitdokumentation „Yulas Welt“ (Dänemark/Polen 2014). Yula ist ein Mädchen, das das Filmteam zu Beginn als zehnjähriges Kind mit der Mutter auf einer Müllkippe antrifft, nur „13 Meilen vom Roten Platz“ in Moskau entfernt. Sie leben in einer Notgemeinschaft vom Abfallsammeln in selbst gezimmerten Hütten. Der Film nimmt sich Zeit für Situationen, beobachtet Gespräche der Bewohner der Müllkippe untereinander, interviewt nicht nur Yula. Alle paar Jahre kam das Filmteam wieder. Die polnische Regisseurin Hanna Polak, die auch Kamerafrau ist, hat einen guten Draht zu ihren Protagonisten, die sich schon sehr jung regelmäßig mit Alkohol und Rauchzeug betäuben. Spannend, aber auch traurig ist die Veränderung von Yula als Jugendliche und junge Erwachsene. Als sie schwanger wird und immer noch auf der Müllkippe lebt, scheint sich das Schicksal ihrer Mutter zu wiederholen. Die aber sagte einmal über ihre Tochter: „Sie ist ein gutes Mädchen. Sie wird durchkommen.“ Yulas innigster Wunsch bleibt: weg von der Müllkippe zu kommen. Der Film erzählt, ob und wie sie das schafft.

Ein Highlight konzentrierter Gesprächserfahrung ist der Dokumentarfilm „Speak up – Nimm kein Blatt vor den Mund“ aus dem Jahre 2017 (Frankreich, Regie: Amandine Gay).

Dabei ist er formal völlig unspektakulär – er filmt nichts als die Interviews mit jungen Schwarzen Frauen in Belgien und Frankreich, in immer gleicher Ausschnittgröße, halbnah. Die Frauen antworten jeweils auf dieselben Interviewfragen, die man nur erraten kann. Das erste rassistische Erlebnis? Eine wurde als Dreijährige von einem anderen Kind auf dem Spielplatz angemacht: „Geh weg, du bist schwarz.“ Eine andere Frau erinnert sich, dass ihr Vater im Zug von dem Schaffner abschätzig behandelt wurde und dass es furchtbar für sie als Kind war, wie devot ihr Vater reagierte. „So habe ich erfahren, dass ich schwarz bin – und als minderwertig gelte.“ Ein anderes Thema ist der Konflikt mit den Eltern, die stets an ihre Kinder appellierten, nur nicht aufzufallen, keinen Ärger zu haben. Ein typischer Generationenkonflikt in migrantischen Familien. „Meine Eltern lebten versteckt in Frankreich. Sie wollten unbemerkt bleiben. Mein Vater sagte, rede nicht über Politik. Wenn es ein Problem gibt, dann renne weg. Lebe glücklich, lebe versteckt.“

Aber in „Speak up“ geht es auch um spezielle Kompetenzen und Handlungsfähigkeit Schwarzer Frauen. „Ich fühle mich nicht zerrissen. Französin mit afrikanischer Abstammung, eine Frau sein – all das gehört zu mir. Ohne Widersprüchlichkeit. Der Begriff gibt mir Ruhe, das ist wichtig – denn ich bin sehr wütend. Eine wütende Idealistin.“

Der Film erzählt davon, wie anstrengend es ist, Schwarz und Frau zu sein. Nicht von Natur aus, sondern als soziales Konstrukt. Weil die Frauen sich ständig in Verhandlungen über ihr Schwarzsein wiederfinden, in Selbstrechtfertigungen, in täglicher Abwehr von Vorurteilen, Diskriminierung, Hass. Ein wichtiger Film.

Ein anderes Label, entstanden aus dem Indiekino Berlin Magazin und zehn unabhängigen Kinos Berlins, hat einen besonderen Club aufgemacht, wo für Mitglieder ursprünglich Streaming mit Kino verbunden werden sollte und momentan eben Filme gegen Gebühr ausgeliehen werden können. Zum schöneren Navigieren gibt es „Kollektionen“, die heißen: Berlin, Cine Asia, Cine Femmes, Doks. Da gibt es vieles zu entdecken.

Zum Beispiel „Jahrgang 45“, der DEFA-Film von Jürgen Böttcher. Gedreht 1966 in echten Wohnungen in den noch unsanierten Hinterhöfen Prenzlauer Bergs. Lang andauernde Szenen, Jagdwurst zum Frühstück, eine Neugeborenen-Station, eine Autowerkstatt. Rolf Römer spielt den jungen Mann Al, obwohl zehn Jahre älter als seine Rolle, wirkt er immer noch schlacksig genug. Und was genau macht ihm eigentlich zu schaffen? Keine packende Story, keine großen Konflikte, nur ein junges Ehepaar, das sich scheiden lassen will und dann auch wieder nicht. Sie nähern und entfernen sich, treffen viele Freunde, Tanzpartner, Kollegen – auffällig die fast dokumentarische Einbeziehung der Arbeitswelt im Sozialismus, Nietenhosen, Lässigkeit und Unsicherheit zugleich. Ereignislosigkeit als dramaturgisches Prinzip. „Euch geht’s gut.“ sagt Als Mutter. „Vielleicht zu gut.“

(Leihen)

Ein Höhepunkt in der Reihe ist der fast neue Dokumentarfilm „May Ayim: Hoffnung im Herz“ (Dt. 2020, Regie: Maria Binder) über die Schwarze Deutsche May Ayim, die in Hamburg als Baby von ihrer weißen Mutter ins Heim gegeben wurde, in einer weißen Pflegfamilie aufwuchs, ihre Diplomarbeit als eine der Ersten über Afrodeutsche Geschichte schrieb und über das Unbehagen von Minderheiten in der deutschen Einheit. Die dann als Rap-Lyrikerin bekannt wurde. Die Geschichte einer Heimatlosen, einer Forscherin, einer unvollendeten Poetin. Die freundlich im Fernsehen Auskunft gab über haarsträubende Ereignisse ihrer schmerzhaften Biographie. Das vorhandene TV-Material baut der Film vielfach ein, so dass man May Ayim auch live erlebt. Denn direkt in den Film konnte May Ayim nicht mehr kommen. 1996 nahm sie sich, erst 36jährig, in Berlin das Leben.

 

„Underwater Love“ (Japan 2011, Regie: Shinji Imaoka), erzählt so bizarr wie nur möglich die Geschichte von einem Kappa, einem japanischen Unterwasser-Fabelwesen und einer irdischen Frau, die bei aller Unterschiedlichkeit nicht voneinander loskommen. Eine Mischung aus „Der Amphibienmensch“ (UdSSR, 1962), Musicalmärchen und Softporno.

Der vielleicht schönste Film im ganzen Club ist „Like Father like Son“ (Japan 2013, Regie: Hirokazu Kore-eda). Ein Paar erfährt nach sechs Jahren, dass sein Sohn auf der Geburtsstation vertauscht worden ist. Der leibliche Sohn lebt in einer anderen Familie, die ebenfalls keine Ahnung hatte. Was als Sozialdrama beginnt, wird eine intensive Vater-Sohn-Geschichte, die bis zum grandiosen Schluss beweist, dass Biologie noch lange nicht alles ist, was Eltern und Kinder miteinander verbinden kann. Es ist ein bisschen wie die japanische Wiedergeburt des französischen Regisseurs Francois Truffaut, des großen Kinderkenners der Filmgeschichte. Dafür gab es den Preis der Jury in Cannes.

Die Geschichten sind allesamt erlebbar in den Online-Kinos, bis die richtigen Kinos wieder öffnen. Da soll die Zeit nicht lang werden.

 

Foto: Copyright eksystent distribution 2016-2018