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30 Jahre telegraph – 30 Jahre linker Journalismus

Wir sind das letzte existierende Samisdat der DDR-Opposition – und wir werden 30 Jahre alt.

telegraph 1/1989 (#01), vom 9.10.1989

telegraph 1/1989 (#01), vom 9.10.1989

Vor 30 Jahren, im Herbst 1989, bedurfte es schnellerer Reaktionen auf täglich neue Ereignisse. Zur Erinnerung: Bis 1989/90 wurde in der DDR laut ihrer Verfassung „Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens … gewährleistet“ (Artikel 27), tatsächlich wurden die Massenmedien durch die SED und die Blockparteien kontrolliert. Als Gegenöffentlichkeit gab es lediglich einige Samisdat-Veröffentlichungen und eine Reihe von „illegalen“ politischen und künstlerischen Publikationen, die Verbreitung war durch technische Möglichkeiten und staatliche Repression be-grenzt.

Als sich die Ereignisse im Herbst 1989 überschlugen, musste ein schnelleres Informations- und Diskussionsmedium her. In Berlin wurden Redakteure verschiedener Oppositionszeitschriften eingeladen, an der neu gegründeten und als Nachfolgezeitschrift der Umweltblätter geltende Zeitschrift telegraph mitzuarbeiten. Die erste Nummer erschien am 10. Oktober 1989. Seitdem sind über 130 Nummern und mehrere Sonderausgaben erschienen. Das wollen wir feiern und wir laden Dich / Euch dazu ein.

30 Jahre telegraph - 30 Jahre linker Journalismus - Programm

30 Jahre telegraph – 30 Jahre linker Journalismus – Programm

Unser Programm:

Podiumsveranstaltung:
In den letzten 30 Jahren haben sich die Medien grundsätzlich geändert. Wir wollen diskutieren, welche Entwicklungen Medien von unten durchmachten. Inhaltlich wie auch technisch. Vor allem durch das Internet erfuhr der Journalismus der letzten Jahre eine grundsätzliche Umorientierung.
Manches blieb erhalten. Einige Gründungen, wie indymedia, Freie Radios und Infoblätter verloren wieder an Bedeutung. Neues kam hinzu: Blogs, youtube, Twitter. Auf der anderen Seite steht der beherrschende Einfluß der Internetgiganten (google, facebook, … ) und die riesigen Möglichkeiten der Manipulation des politischen Diskurses, sowie die Absichten des Staates nach Reglementierung, Überwachung und Kontrolle.
Vor Jahren verbreiteten alternative Medien Gegeninformation und waren unverzichtbar gegen Falschdarstellungen, Unterschlagungen und Lügen der bürgerlichen Medien. Heutzutage werden von der weiter erstarkenden rechten Bewegung die Begriffe „Lügenpresse“ und „Fake News“ ins Spiel gebracht. Wie reagieren alternative Medien darauf? Wie wird heute mit Überwachung, Zensur und Strafverfolgung gegen Journalisten umgegangen? Kann ein Vergleich der staatlichen Repression in DDR/BRD (z.B. Umweltblätter/Grenzfall vs. Indymedia.linksunten) fürs heutige Handeln hilfreich sein?

Gibt es noch Medien von unten, oder ist jetzt alles Mainstream, überwiegend eingegliedert in Medienkonzerne, oder ist alles für alle überall verfügbar, ohne Nachhaltigkeit und Systemkritik?

Umschlag Front tele 135/136_2019_2020

Umschlag Zeitschrift telegraph, Ausgabe 135/136 _ 2019 / 2020, erscheint am 11.10.2019

Für die nächsten Jahre rechnen wir damit, dass auch durch die Etablierung nationalistischer und neofaschistischer Netzwerke insbesondere im Geheimdienst-, Polizei-, Justiz- und Politikapparat die Angriffe auf linke, alternative und kritische Medien zunehmen werden. Eine Bagatellisierung, Tolerierung und Förderung dieser Entwicklung durch den bundesdeutschen Staat konnten wir in den vergangenen Jahren beobachten. Wobei wir nicht verkennen, daß sich auch in den bürgerlichen Medien zahlreiche Journalistinnen zumindest für den Erhalt der bürgerlichen Demokratie und der bürgerlichen Freiheiten („Meinungs- und Pressefreiheit“) engagiert einsetzen. Sie ahnen ja auch, daß die Pläne für den „Umbau“ der Öffentlich-Rechtlichen Medien längst schon in den Schubladen der AfD liegen, die haben sich in der Vergangenheit dazu u.a. Beratung bei der österreichischen FPÖ geholt.

Wie können die Gegenstrategien aussehen?
Darüber wollen wir am 11. Oktober 2019 im Haus der Demokratie in Berlin im Rahmen unseres 30-Jahre-telegraph-Festes diskutieren.

mit:
Annett Gröschner, freie Autorin, Journalistin
Frank Rieger, Netzaktivist, Chaos Computer Club
Malte Daniljuk, Journalist, Redakteur für die Bundestagsfraktion DIE LINKE
Peter Nowak, freier Journalist, Mitglied der Basisgewerkschaft FAU
Dirk Teschner, Redakteur und Gründungsmitglied telegraph
Moderation: Tom Strohschneider, Journalist (ND, Oxi)

im Anschluss:

Live-Punk: Hamster im Arsch
Tanzmusik: DJ Magic Mießner, DJ Speiche
Video-Interviews: mit Aktivist_innen aus dem Herbst 1989
essen, trinken, quatschen, …

Ort:

Haus der Demokratie Berlin, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin
Erster Hof + Robert-Havemann-Saal + Foyer
(Tram: M4 / BUS: 142, 200 Haltestelle: „Am Friedrichshain“)