Von Jürgen Schneider
Es war beim Sprachsalz-Festival 2016 in Pforzheim. Die Lesungen hatten ein Ende gefunden, da begaben sich die eher jungen Wortwerker*innen lange vor Mitternacht in ihre Hotelbetten. Nur ein Wortwerker war noch lange nicht müde: Gerhard Rühm, damals schon weit über achtzig Jahre alt, winkte mit Getränkebons und lud in die Bar ein. Die Einladung konnte natürlich nicht ausgeschlagen werden, denn das wäre unhöflich gewesen. Munter geredet und getrunken wurde bis drei in der Früh.
Zehn Jahre später, so der österreichische Schriftsteller, Rundfunk-Autor Florian Neuner, ist Rühm, der in allen Kunstgattungen zu Hause ist, in seinem Werk die Bereiche Literatur, Musik und bildende Kunst vernetzt und mit seinen Freunden von der Wiener Gruppe (Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer und Oswald Wiener) maßgeblich die experimentelle Nachkriegsavantgarde prägte, noch immer hellwach und aktiv. Neuner hat zusammen mit Carolin Naujocks, Redakteurin für Neue Musik, in Köln und Wien zwischen November 2023 und Februar 2026 fünf Gespräche mit dem heute 96-jährigen Multiartisten geführt, um sich seinem Werk von der musikalisch- akustischen Seite her zu nähern.
Am 6. Mai beginnt »Deutschlandfunk Kultur« in seiner Zeitzeugen-Reihe die »Begegnungen mit Gerhard Rühm«. Die jeweils zweistündigen Sendungen werden in fünf aufeinanderfolgenden Wochen jeweils mittwochs um 20.00 Uhr ausgestrahlt und sind Pflichthörprogramm.
(1) Anfänge in Wien (06.05.2026, 20.00 – 22.00 Uhr)
Begonnen hat Rühm seine künstlerische Laufbahn als Musiker, aber auch das Zeichnen und die Dichtung sind Bereiche, in denen Gerhard Rühm sich artikuliert. Mit Musik von Gerhard Rühm, Alfred Uhl, Alban Berg, Arnold Schönberg, Olivier Messiaen, Josef Matthias Hauer, Anton Webern, Joe Zawinul, Kurt Schwitters u.a.
(2) Die Wiener Gruppe und der Berliner Kreis (13.05.2026, 20.00 – 22.00 Uhr)
Am bekanntesten ist Gerhard Rühm als Autor mediale Grenzen überschreitender Poesie und als Mitbegründer der Wiener Gruppe. Zu dieser Gruppe sagte Rühm 2016: »Ja, Wiener Gruppe. Da hat uns natürlich vor allem interessiert, die von den Nazis unterbrochene Traditionen fortzusetzen beziehungsweise überhaupt zu erkennen. Das war aber damals sehr schwierig, denn die Sachen waren einfach von der Bildfläche verschwunden.« Die Sendung ist eine musikalisch-akustische Annäherung an diesen künstlerischen Freundeskreis und an spätere Kooperationen in Berlin. Lange fanden seine Arbeiten in Österreich keine Anerkennung und wurden durch Publikationsverbot behindert, weshalb sich Rühm nach dem Auseinanderbrechen der Wiener Gruppe 1964 in Berlin niederließ. Mit Beispielen von Gerhard Rühm/Konrad Bayer, H. C. Artmann, Gerhard Rühm und Ausschnitten aus »selten gehörte musik«: vom 3. berliner dichterworkshop 1973, dem berliner konzert 1974 und der »novembersymphonie« 1974 und dem romenthal quartett 1975 mit Günter Brus, Hermann Nitsch, Dieter Roth, Gerhard Rühm u.a.
(3) Der Komponist Gerhard Rühm (20.05.2026, 20.00 – 22.00 Uhr)
Entscheidende Anregungen erhielt Gerhard Rühm durch die Musik von Arnold Schönberg (die Leidenschaft für Schönberg teilt Rühm mit Theodor W. Adorno), Anton Webern und dem Zwölftonkomponisten Josef Matthias Hauer, bei dem Rühm 1953/54 Privatunterricht nahm. Aber auch sein spezifisch musikalisches Werk lebt von Übertragungen aus anderen Metiers, um neue Beziehungen zu stiften.
Gerhard Rühm: »die schöpfung« (1986-87), »augustin-variationen« (1950-51), sprechquartette (1987), 3 stücke (1954), »beethoven geht vorüber« (1970), »foetus« (1974), »sonata occulta« (1974), »köln-hamburg retour« (1988), »the gentleness of rain was in the wind« (1976), »das leben chopins« (1981/82), musikstück für drei sprecher (1980), »cherubinische ornamente« (1985), »pornophonie« (1983), »meditation über die letzten dinge« (1983) u.a.
(4) Der transdisziplinäre Künstler (27.05.2026, 20.00 – 22.00 Uhr)
Gerhard Rühm bewegt sich nicht bloß im Grenzbereich zwischen den Künsten. Ein wesentlicher Motor seiner Arbeit ist die Übertragung von Prinzipien der einen Kunst in die jeweils andere, etwa von der Musik in die Literatur oder von der Literatur in die bildende Kunst. Mit Musik von Gerhard Rühm, Domenico Cimarosa, Anestis Logothetis, Alban Berg, Arthur Honegger, Alexander Skrjabin und Mauricio Kagel und mit den nachgebauten »Intona-Rumori« von Luigi Russolo u.a.
(5) Gerhard Rühm als Radiokünstler (03.06.2026, 20.00 – 22.00 Uhr)
Mit seinen Freunden von der Wiener Gruppe und seiner die medialen Grenzen überschreitenden Poesie war Gerhard Rühm ein wichtiger Exponent der internationalen Nachkriegsavantgarde und der konkreten Poesie. Im Zuge der Entwicklung des »Neuen Hörspiels« hat er auch auf dem Gebiet der Radiokunst Maßstäbe gesetzt. Mit Radioarbeiten und Hörstücken von Gerhard Rühm, Musik von Arnold Schönberg und Gemeinschaftsarbeiten von Konrad Bayer und Gerhard Rühm sowie Gerhard Rühm und Urs Widmer.
