Von Jürgen Schneider
Essig ist im Wesentlichen eine verdünnte Lösung von Essigsäure in Wasser. Die Musik der slowenischen Band Laibach ist alles andere als verdünnt, auch als Musick. Das 90-minütige Konzert in Köln, bei dem das neue Laibach-Album Musick vorgestellt wurde, begann pünktlich, die Deutsche Bahn hatte damit also dankenswerterweise nichts zu tun. Zunächst wurde das Publikum per Leuchtschrift aufgeklärt, es habe »no Entertainment« zu erwarten. Es handele sich lediglich um ein »audio-visuelles Protokoll«. Dieses Statement ist angesichts der hochgradig synergetischen Darbietung ein Understatement: Sound, Video und Tanz bilden ein Gesamtkunstwerk. Im Vorfeld wurde gemunkelt, Musick sei ein Pop-Album. Unfug. Laibach spielt mit allen möglichen populären Stilen, die unsere Musikkritik in ihren verstaubten Schubladen hat, und lässt sie durch intelligente Affirmation hinter sich. Gehüpft werden darf dennoch, zwei Tänzerinnen machen vor, wie der Körper zu bewegen ist.
Es ging los mit ›Musick‹. »I‘m sick of music«, konstatierte Laibach-Frontmann Milan Fras, schloß die Frage an »Aren’t we all?« und fuhr dann fort: »All the girls and the boys, let’s get loud and make some noise … Some people go Kung-Fu-Fighting, some people go Bitcoin-mining. Some nations go dynamiting, we like to do some crazy rhyming.« In ›Singularity‹ heißt es: »Every song’s a copy or remake«. In ›Love Machine‹ wird der Düsseldorfer Elektropionierband Kraftwerk gehuldigt: »Machine, machine, machine…« Hieß es bei Kraftwerk 1978 »Die Mensch-Maschine, Maschine, Maschine, Maschine…«, so 1980 auf der Abwärts-LP Amok Koma »Maschinenland, Maschinenland / Wann bist du denn wohl abgebrannt?«
»There’s a lot of talking, when Laibach drops a song«, konstatiert Milan Fras in ›Allgorhythm‹. Diesen Song hatte das slowenische Fernsehen für den Eurovision Song Contest (ESC) ausgewählt. Slowenien sagte die Beteiligung an diesem Spektakel allerdings ab. Dem ESC-Millionenpublikum vor den TV-Bildschirmen blieb so die avancierte Bühnenshow von Laibach vorenthalten, und es musste sich mit der gebotenen Beliebigkeit der Dekoration, der Choreographie und des Lichts begnügen. Algorhythmusgenerierte Klänge haben längst für eine Supersaturiertheit gesorgt, die von Laibach thematisiert und mit einem Glorienschein versehen werden musste. Trotz des vielen Geredes, gibt es jedoch Leute, die von Laibachs Wirken rein gar nichts verstehen, wie etwa Bono, der Frontmann der Dubliner Band U 2, dessen Aussage über Laibach »Ich kapiere es wirklich nicht« projiziert wurde. U 2 fand Erwähnung, wenn auch nicht als Zeichen der Bewunderung, als es später hieß: »MeToo, You Too, U 2, Winnetou.« Altbarde Bono war jüngst in Mexiko allerdings nicht in einem Native American Outfit zu sehen, sondern mit einem Cowboyhut. Doch zurück zu Laibach: Latin-Rhythmen trugen zunächst den Song ›Resistencia‹, der zu einem Techno- und Dub-Sound akzentuiert wurde. Laibach verband Resistencia mit Existencia — Widerstand und Existenz bedingen einander. Milan Fras wiederholte den Begriff »Guerra relampago« ein wenig undeutlich und verkürzt, so dass er sich wie »Guerilla« anhörte. Die Übersetzung von »Guerra relampago« lautet Blitzkrieg. Am Ende des Laibach-Gigs hieß es unter dem visuellen Verweis auf das Universum – das Wort leitet sich vom lateinischen universus ab, was allumfassend bedeutet – eine jede und ein jeder möge ihre bzw. seine eigene Musik machen.
Weitere Termine hier: https://www.laibach.org/future-events/
