Kultur

WAS IST KUNST, Irwin?

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Von Jürgen Schneider

Die derzeitige Ausstellung des Hartware MedienKunstVereins (HMKV) im Dortmunder U gilt dem slowenischen Künstlerkollektiv IRWIN, dessen Gründung sich 2023 zum 40. Mal jährt. IRWIN gehörte 1984 – zusammen mit den Musikern der Gruppe Laibach (die sich manchmal auch Laibach Kunst nennen, um zu signalisieren, dass sie Künstler und nicht ›nur‹ Musiker sind), dem Theater Scipion Nasice (später Noordung/Postgravity Art) und der Designabteilung Novi Kollektivizem – zu den Gründern des Meta-Kollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK). Durch die Anonymisierung der Mitglieder und die konsequente Zurschaustellung ihrer entindividualisierten Funktionen im Kollektiv der Gruppe persiflierten die selbst ernannten »Staatskünstler« die offizielle Ideologie.

Im April 1984 nannte IRWIN drei Programmpunkte: Anwendung des »Retro-Prinzips«, des »betonten Eklektizismus« sowie die Forderung nach »Affirmation der Volks-/Nationalkultur«. Das Aufnehmen vorhandener Herrschafts- und Kulturcodes bezeichnete das slowenische Ein-Mann-Proletariat Slavoj Žižek als radikale »Überidentifizierung« mit der ›verdeckten Kehrseite‹ der die gesellschaftlichen Beziehungen regulierenden Ideologie.

1992 entschieden die Gruppen der NSK, ihre Bewegung mit der Gründung des NSK-Staates formal in einen solchen (wenn auch immateriellen) zu überführen. Mit der Geburt des NSK-Staates als einem basisdemokratisch-utopisch-sozialen Konstrukt hörte NSK als homogene Bewegung (die sie ohnehin nie war) auf zu existieren. Die existierenden NSK-Gruppen setzen ihre jeweiligen Projekte fort und sind bis heute erfolgreich in ihren Gebieten aktiv. Laut des Selbstverständnisses als absolute Totalität benötigt der NSK-Staat nicht die Anerkennung anderer Staaten. »Es gab jedoch Versuche seitens des slowenischen Außenministers (und späteren EU-Parlamentariers) Zoran Thaler, dem NSK-Staat auf UN-Ebene zur Geltung zu verhelfen (u. a. indem er dem damaligen UNO-Generalsekretär das Laibach-Album NATO als slowenisches Statement zum Jugoslawienkrieg überreichte).«2

IRWIN, ›Transnacionala‹, Installation, HMKV, Dortmund. Foto: Jürgen Schneider

IRWIN, ›Transnacionala‹, Installation, HMKV, Dortmund. Foto: Jürgen Schneider

Die Dortmunder Ausstellung der ursprünglich aus der Post-Punk- und Industrial-Szene der 1980er Jahre kommenden Konzeptualisten von IRWIN, kuratiert von Inke Arns und Thibaut de Ruyter, ist in zwei Teile gegliedert: In einem Ausstellungskapitel wird in Anlehnung an André Breton nach dem schwarzen Humor gefragt, der zum Konzept von IRWIN gehört. In dem anderen Kapitel geht es um Fragen des Staates. Insgesamt sind um die 100 Werke zu sehen.

Ein Künstler, auf den sich IRWIN immer wieder bezieht, ist Kasimir Malewitsch und sein Werk ›Das Schwarze Quadrat‹ aus dem Jahr 1915.3

In den Arbeiten des Kollektivs dient das Quadrat als Verweis auf die lange Geschichte der Avantgarden und als Ikone im spirituellen Sinne des Wortes. 1992 wurde IRWIN im Rahmen eines Apt-Art-Projektes in Moskau tätig und eröffnete in einer Privatwohnung am Leninsky Prospekt 12 eine temporäre Botschaft des NSK-Staates in der Zeit. Am 6. Juni 1992 fand die Aktion Black Square on Red Square statt: In der Mitte des Roten Platzes wurde ein 22 x 22m großes schwarzes Stoffquadrat ausgebreitet. »Ziel dieser Ausbreitung des Schwarzen Quadrates im Zentrum der (ideologischen) Macht«, so Inke Arns, »war die Konfrontation eines ideologischen Systems mit einem in seiner Totalität ebenbürtigen, jedoch nicht ideologischen, sondern explizit künstlerischen System.« In der Ausstellung wird nicht nur IRWINs Auseinandersetzung mit dem ›Schwarzen Quadrat‹ dokumentiert. Das Bild ›Malewitsch zwischen zwei Kriegen‹ hat IRWIN in katholische und orthodoxe Zeremonien integriert. Es ist dies eine Anspielung auf die enge Verbindung von Kirche und Staat in der (ost- wie west-)europäischen Geschichte sowie auf den Status der eigenen Bildproduktion. »Ähnlich wie Ikonen in der orthodoxen Kirchentradition, so Inke Arns, werden diese von Vorbildern kopiert, um so das göttliche ›Urbild‹ durchscheinen zu lassen. Dies wiederum erinnert an Kasimir Malewitschs ›Schwarzes Quadrat‹, welches dieser 1915 in der Letzten Futuristischen Ausstellung 0,10 anstelle einer Ikone in der ›schönen Ecke‹ präsentiert hatte.«

In einem abgedunkelten Raum ist die Installation ›Corpse of Art‹ zu sehen. Als Malewitsch 1935 starb, wurde er mehrere Tage lang im Haus des Künstlerverbandes aufgebahrt. Der suprematistische Künstler Nikolai Michailowitsch Suetin (1897-1954) entwarf den Sarg für Malewitsch – eine vertikal kreuzförmige Kiste, der Deckel verziert mit einem schwarzen Quadrat und einem schwarzen Kreis. IRWIN hat den Sarg 2003 nachgebaut und einen Malewitsch aus Wachs als »Leichnam der Kunst« hineingelegt.

IRWIN, ›Corpse of Art‹. Installation, Mischtechnik, 2003, variable Maße. Sammlung: Gregor Podnar, Wien. Foto: Uta Baatz

IRWIN, ›Corpse of Art‹. Installation, Mischtechnik, 2003, variable Maße. Sammlung: Gregor Podnar, Wien. Foto: Uta Baatz

Auf Studiofotos aus den 1970er Jahren von Zwillingen bedeckt ein kleines, silbernes, mit dem schwarzen Kreuz versehenes Spielzeugflugzeug einen Teil der Bildmontage. Mit dieser Serie verweist IRWIN auf 9/11 und die Anschläge auf die Twin Towers in New York. Bilder von den Terroropfern dieser bis heute nicht zur Genüge aufgeklärten Anschläge gab es so gut wie keine. IRWIN stilisiert in diesen empathischen Montagen die Opfer zu Kindern und verweist damit darauf, dass nicht nur Türme, sondern auch Menschenleben zerstört wurden.

IRWIN wäre nicht IRWIN, setzte sich das Kollektiv nicht auch mit dem Funktionieren des kapitalistischen Kunstmarkts auseinander. Von einer Fotografie, die IRWIN zusammen mit der serbischen Performance-Künstlerin Marina Abramović zeigt, wurden drei Abzüge hergestellt, die einmal vom Fotografen, einmal von IRWIN und einmal von Abramović signiert wurden. Die Kunstmarktpreise für die identischen Fotos betrugen 1.600, 6.000 und 16.000 Mark, staffelten sich also nach dem Marktwert der Beteiligten.

Unter der Überschrift ›Ich war’s nicht, er war’s‹ ist u. a. eine suprematistische Komposition von 2018 zu sehen, die mit der für Gerhard Richters Bilder charakteristischen Unschärfe ausgeführt wurde.

IRWIN (Borut Vogelnik), ›Suprematistic Painting‹, 2018, 80 x 60 x 11 cm. Holz, Leinen, Ölfarbe, Flexi-Cover.

IRWIN (Borut Vogelnik), ›Suprematistic Painting‹, 2018, 80 x 60 x 11 cm. Holz, Leinen, Ölfarbe, Flexi-Cover.

Eine an Piet Mondrian (1872-1944) erinnernde Komposition hat IRWIN mit einem christlichen Kreuz versehen, um den ikonenhaften Charakter der abstrakten Kunst des frühen 20. Jahrhunderts zu unterstreichen.

Im Treppenhaus des U macht IRWIN mit sechs Plakaten Werbung für den NSK-Staat, wobei alle Motive auf die letzte große Tourismus-Werbekampagne Jugoslawiens in den 1980er Jahren zurückgehen. IRWIN hat den ursprünglichen Schriftzug ›Jugoslavija‹ durch ›NSK State‹ ersetzt. Der Titel dieser Serie, ›It’s a Beautiful Country‹, ist ein Zitat aus einer Diskussion über den NSK-Staat, die im Juli 2010 im Centre for Contemporary Art in Lagos, Nigeria, stattfand.

Vier IRWIN-Künstler vor ihrer im Museum Ostwall (U, Ebene 4) präsentierten Neuproduktion ›Was ist Kunst, Bernd und Hilla Becher?‹, die unter Verwendung der neunteiligen Serie ›Fördertürme (1973-1989)‹ von Bernd und Hilla Becher (Sammlung Museum Ostwall) und für IRWIN typische Rahmen entstanden ist. Die Künstler von IRWIN sind seit jeher Bewunderer der fotografischen Werke des deutschen Künstlerpaares. Foto: Uta Baatz

Vier IRWIN-Künstler vor ihrer im Museum Ostwall (U, Ebene 4) präsentierten Neuproduktion ›Was ist Kunst, Bernd und Hilla Becher?‹, die unter Verwendung der neunteiligen Serie ›Fördertürme (1973-1989)‹ von Bernd und Hilla Becher (Sammlung Museum Ostwall) und für IRWIN typische Rahmen entstanden ist. Die Künstler von IRWIN sind seit jeher Bewunderer der fotografischen Werke des deutschen Künstlerpaares. Foto: Uta Baatz

 

Anmerkungen

1) IRWIN in New York, 1991. Foto: Leslie Fratkin. Gestaltung: e o t. Berlin.

2) Alexander Nym (Hrsg.), Reden an die europäische Nation. Weapons of Mass Instruction. Eine Sammlung von Ansprachen, Berichten und internen Dokumenten des NSK-Staates in der Zeit 2010-2020. NSK Academy MMXXIII. – Gera: Edition Outbird, 2023; S. 334. Das Buch ist ein absolutes Muss für alle, die sich für den globalen NSK-Staat, den Staat in der Zeit, den Staat ohne Territorium interessieren, der sich in Form von temporären Botschaften oder Konsulaten materialisiert und auf Antrag Reisepässe ausgibt. Während der IRWIN-Ausstellung können freitags, samstags und sonntags in der Installation Transnacionala Reisepässe des NSK-Staates beantragt werden. Eine Erika-Schreibmaschine steht bereit.

3) Kasimir Malewitsch (1879-1935): Der Begründer des Suprematismus galt lange als klassischer Vertreter der russischen Avantgarde, da er lange in Moskau und Leningrad lebte und wirkte. Nun wird er in der Ukraine als ukrainischer Künstler vereinnahmt, da er in Kiew geboren wurde. Im April 2022 forderte die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor: »Veröffentlichen Sie keine schwarzen Quadrate!« »Diese könnten im Kontext der russischen ›Spezialoperation‹ in der Ukraine als proukrainische Äußerungen verstanden werden.« (s. Inke Arns, Staatkünstler, in: HMKV-Magazin (2023/2), Verlag Kettler. Das Magazin zur IRWIN-Ausstellung erscheint im Oktober.) Malewitschs Vater Seweryn Malewicz (russisch Sewerin Antonowitsch Malewitsch, 1845–1902) und seine Mutter Ludwika (russisch Ljudwiga Alexandrowna, 1858–1942) waren polnischer Herkunft. Im Hause Malewicz wurde neben polnisch und russisch auch ukrainisch gesprochen. Malewitsch selbst bezeichnete sich mal als Ukrainer, mal als Pole, verneinte im späteren Leben jedoch jegliche Nationalität und sah in allen Menschen »Bewohner der Erde«. Zu Malewitsch und Kiew s. Kazimir Malevich. Kyiv Period 1928-1930. Articles, Documents and Letters, hrsg. von Tetyana Filevska. – Kiew: Rodovid, 2017.

Als ein Vorläufer des Schwarzen Quadrats kann das schwarze Viereck von Robert Fludd angesehen werden: Der englische Arzt und Naturphilosoph Robert Fludd (1574-1637) hat im ersten Band von Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris Metaphysica, physica atque technica Historia (Metaphysik und Natur- und Kunstgeschichte beider Welten, nämlich des Makro- und des Mikrokosmos, Oppenheim, Frankfurt, 1617), einer Geschichte des Makrokosmos, eine Schöpfungsgeschichte visualisiert, die mit dem Urbild der Hyle, dem Äquivalent zum Nichts, als ein schwarzes Viereck beginnt.